Baxxter: Aber dieser Effekt könnte doch auch dem Einfühlungsvermögen des DJs zu verdanken sein, der situativ Musik im Moment "komponiert". Das wäre, anders als die glücklich machende Frequenz, die möglicherweise eines Tages wissenschaftlich beweisbar sein wird, doch wieder ein kreativer Akt, oder nicht?
Baxxter: Ich würde da nicht von Kreativität reden. Es kommt einfach nur darauf an, dass auf einen über eine längere Zeit durchgehaltenen Beat dieser Moment der Stille folgt - und es dann anschließend wieder losgeht. Luftkriegalarmsirenen sind auch ein gern genommener Effekt. Es geht immer um den Gegensatz. Laut/leise. Langsam/schnell. Hart/lieblich. Das hat zunächst einmal nichts mit Kreativität zu tun.
Baxxter: Rave und Techno haben für mich viel mit Durchrattern zu tun. Ist die Maschine einmal angeschmissen, hat sie durchzulaufen, um den Zustand körperlicher Trance zu erreichen. Bei euch gibt es Songs und somit Unterbrechungen. Das ist doch ein Widerspruch zu dem, was man von Techno erwartet.
Baxxter: Scooter haben schon immer versucht, einen ganzen Rave-Abend in drei Minuten 30 Sekunden zu packen. Ich würde fast sagen, dass wir uns der Struktur von Popsongs bedienen. Es gibt bei uns immer ein Intro, Strophen und Refrains.
Baxxter: Was ist mit Anbrüllen im Stroboskoplicht?
Baxxter: Das funktioniert live. Immer. Genauso: Pyro in die Luft jagen, und zwar am besten im Moment der Stille. Da weiß ich als Performer auf der Bühne schon vorher: Jetzt reißen sie gleich die Arme in die Luft. Ungleich schwerer ist es, solche Effekte in einer Single oder einem Album zur Geltung zu bringen. Nicht umsonst gibt es so viele One-Hit-Wonder. Denen ist dann ein Effekt einmal zufällig gelungen, und sie wissen nicht, wie sie ihn reproduzieren können. Es gibt keine Erfolgsgarantie bei Plattenveröffentlichungen. Außer vielleicht die einer wiedererkennbaren Stimme.
Baxxter: Das ist eine Problematik, die ich auch kenne. Ich habe viel mit Slogans gearbeitet, die ich in meine Bilder hineinmalte. Mein größter "Hit" war: "Hallelu9". Aber so etwas ist nicht unendlich reproduzierbar.
Baxxter: The KLF haben auch mit Verneinungen gearbeitet. Einer ihrer Hits trug den Titel "Don't Take Five".
Baxxter: Das ist natürlich genial, denn es ist doppelt absurd. Das Original von Dave Brubeck meint ja nicht: "Nimm fünf", sondern: "Einspielung Nummer fünf".
Baxxter: Da wäre ich nie drauf gekommen. Aber so ist das mit genialen Einfällen: Sie überstrahlen alles.
Baxxter: Fühlt ihr euch verpflichtet, immer etwas Neues zu machen?
Baxxter: Gerade erst kürzlich haben wir alle unsere alten Instrumente, von denen wir genau wissen, wie wir ihnen die ganz speziellen Sounds entlocken können, beiseitegelegt und uns neue Sequencer und Instrumente zugelegt. Wir haben uns eine Situation geschaffen, in der wir uns nicht mehr auf sicherem Terrain bewegen.
Baxxter: Interessant. Das ist ein methodisches Vorgehen, das ich auch von meinen Kunststudenten immer wieder verlangt habe: Ab und zu müssen sie ihr Material überprüfen. Jeder Pinsel und jede Leinwand, die sie benutzen, muss dann hinterfragt werden. Es geht auch darum, ob man automatisch den gleichen Pinsel wieder kauft, den man beim letzten Mal schon benutzt hatte. Schleichen sich aber solche Automatismen ein, werden die Bilder unabsichtlich ähnlich. Wenn man sich aber zwingt, mit völlig neuem Material zu arbeiten, ist man auch gezwungen, auf dieses Material zu reagieren. Dadurch machst du dir dein eigenes Handeln bewusst.
Baxxter: Es ist so leicht, selbstgefällig zu werden und in Routinen zu verfallen. Den gleichen Sound zu benutzen wie beim letzten Hit und lediglich eine neue Melodie einzuspielen ist in der Regel tödlich. Denn man kommt nicht vorwärts. Ich war neulich nach langer Zeit mal wieder auf Ibiza. Ich war schockiert, wie sich die Musik verändert hat. Das hat mich daran erinnert, dass wir anderswo als bei uns selbst anknüpfen müssen. Wenn es einen neuen Sound gibt, dann müssen den alle im Rahmen seiner Halbwertszeit auswringen. Benutzt man den neuen Sound nicht, ist man raus. Benutzt man ihn zu spät, ist man ebenfalls raus.
Baxxter: Stellst du dir die Frage, wie etwas zu Scooter wird, wenn du bei anderen klaust?
Baxxter: Es gibt einen Scooter-Slogan, der lautet: "Transforming the tunes". Das sagt ja nichts anderes aus als: Wir nehmen etwas und transformieren es zu Scooter.
Baxxter: Kann es sein, dass ihr Musiker sehr locker mit der Frage der Urheberschaft umgeht?
Baxxter: Was hat der Sound einer Bassdrum mit Urheberschaft zu tun? Ärger und Gemecker gibt's eher, wenn man Melodien oder Harmoniefolgen klaut. Aber wenn sich Leute aufregen und Urheberschaft reklamieren, denke ich immer: Ihr habt es doch auch irgendwoher geklaut. Es gibt doch keine Originalität mehr. Es hat doch schon alles gegeben. Sampling ist nur ein anderes Wort für "cut and paste". Klauen und Selbstbedienung gehören zum Geschäft.
Baxxter: Die herkömmliche Vorstellung sieht den Künstler als komplexe Person, die Ausdruck sucht für das, was sie ist, denkt und fühlt. Du stehst eher für das Gegenteil. Du stehst für das Bild des Künstlers, der dem perfekten Track hinterherläuft. Der ist euch mit "Hyper Hyper!" mindestens einmal gelungen.
Baxxter: In dem Song haben wir alle Bestandteile, über die wir gesprochen haben: den Break, die Stille, die Harmonien, die eine feierliche Gänsehaut erzeugen, den Kommandoton, die Lautstärke. Ein Idealfall und somit nicht, oder sollte ich sagen: leider nicht reproduzierbar. Übrigens war "Hyper Hyper!" in seiner Urfassung über fünf Minuten lang. Wir haben den Song dann auf drei Minuten 30 Sekunden gekürzt - die klassische Länge des Pophits. Ich bin mir heute sicher, dass er nie ein Hit geworden wäre, wenn wir ihn in seiner ursprünglichen Länge belassen hätten.
Baxxter: Es fällt auf, dass ihr euch immer an eine Masse wendet und nicht an den Hörer als Individuum.
Baxxter: In "Hyper Hyper!", also zu einem Zeitpunkt, an dem man uns noch gar nicht kannte, haben wir den Stadionapplaus von Zehntausenden in den Song hineingemischt.
Baxxter: Der suggerierte Massenaufmarsch bedient sich natürlich bei Effekten, die schon Leni Riefenstahl zu nutzen wusste. Ihr spielt damit.
Baxxter: Aber Raves sind doch nichts anderes als echte Massenaufmärsche. Die Erfahrungen, die man auf Raves macht, wenn man in der Masse seine Individualität verliert und in ihr aufgeht, sind einzigartig. Schon der Weg zu einer solchen alten Industriehalle, in der ein Rave stattfand, war von Vorfreude geprägt, wenn man schon von Weitem das Vibrieren der Bassdrum im Magen spürte und sich im Kopf die Vorstellung festsetzte: Wenn ich erst einmal in der Halle bin, wird das Dach abheben. Der Stadionapplaus in "Hyper Hyper!" bezieht sich auf solcherlei befreite Rave-Erfahrungen und nicht auf Hitlers Parteitage.
Baxxter: Der Text ist purer Nonsens. Es handelt sich um die völlige Auflösung von jeglichem Sinn. Mir ist aufgefallen: Das ist Touristensprache. Kontaktaufnahme mit reduzierten Mitteln.
Baxxter: Der Schlachtruf "Hyper Hyper!" ist Weltklasse in dem Sinne, dass er in Singapur, China, Brasilien, Europa und Ägypten gleichermaßen verstanden wird. Den Text gibt es übrigens nur, weil es einen Text zwingend geben muss. Die Menschen reagieren auf die Stimme, nicht auf den Instrumentaltrack darunter. Es gibt in der Popgeschichte nur eine Handvoll Instrumentaltracks, die es zum Hit gebracht haben.
Baxxter: Die Slogans, die von Scooter benutzt werden, wirken wie Infantilisierungshebel: Der Verstand wird an der Kasse abgegeben, und dann kann's losgehen.
Baxxter: Nehmen wir einen Menschen, der Probleme hat und sich zergrübelt. Für denjenigen kann es von enormem, rettendem Vorteil sein, sein Hirn an der Garderobe abzugeben und die Sau rauszulassen. Zu viel Grübelei macht die Menschen mürbe.
Baxxter: Warst du schon mal auf dem Kölner Karneval?
Baxxter: Nein, als Nordlicht erschließt sich mir diese Verkleiderei nicht.
Baxxter: Vergiss das, was du
im Fernsehen gesehen hast! Das ist entsetzlich. Da geht es um den Kurzschluss von völliger Idiotie und einem Zen-artigen Gleichmut. Die wirklich guten Lieder haben Weisheit und Stumpfsinn so verschmolzen, dass es unentwirrbar ist. Ich denke da an Stücke wie "Wir lassen den Dom in Köln, denn da gehört er hin / Was soll er auch woanders? Das hat doch keinen Sinn".
Baxxter: Genial.
Baxxter: Ich denke, dass die Slogans bei Scooter eine ähnliche Funktion haben.
Baxxter: Das sehe ich ähnlich, aber keinesfalls negativ.
Baxxter: Es ist ja auch nicht negativ gemeint.
Baxxter: Wenn wir die Lautstärke auf die Menschen loslassen, und dann rufe ich in die Stille: "How much is the fish?", dann können die Menschen das nicht mehr nachvollziehen. Dann können die nur noch mitmachen.
Scooter treten am 25.06.2011 in der Imtech Arena in Hamburg auf. Albert Oehlens nächste Ausstellung eröffnet am 29. April in der Galerie Max Hetzler in Berlin
QUELLE
http://www.welt.de/print/wams/kultur/art…chen-Sinns.html