Der HSV-Keeper Sascha Kirschstein outet sich als SCOOTER-Fan im "kicker" Interview. Sowieso mein Lieblingsclub und ein genialer Keeper...Das "passt" also
Reif für die Champions League?
Die Schublade mit der Aufschrift "angepasster Jungprofi" muss ohne ihn geschlossen werden. Sascha Kirschstein passt nicht hinein. Das zeichnete sich bereits nach seinem Bundesliga-Debüt im November letzten Jahres ab, als er nach dem 1:0 in Leverkusen in der Mixed-Zone nur so lossprudelte im Pulk der Pressevertreter, wo sich andere dezent zurückhalten. Und das war spätestens nach Hamburgs unglücklichem 0:1-Pokal-Aus bei Bayern München im Dezember klar. Nach herausragender Leistung hatte es der 25-jährige Keeper in seinem ersten Live-Interview im TV geschafft, ein halbes Dutzend Mal die Vokabel "Scheiße" zu gebrauchen und bundesweit für Erheiterung gesorgt. Inzwischen setzt er auch sportlich Ausrufezeichen.
Kurz vor dem Jahreswechsel war Kirschstein übergangsweise als Ersatz für den verletzten Stefan Wächter ins Tor gekommen, seit zwei Wochen ist er aus Leistungsgründen die Nummer eins - und sieht sich in einer anderen Situation als im Winter. "Da bin ich durch die Verletzung eines Kollegen reingerutscht, hatte weniger Druck. Jetzt sind es sportliche Gründe: Ich bin erster Torwart in der höchsten deutschen Liga. Das ist jetzt schon etwas anderes." Geblieben ist seine unverbrauchte Art: Kirschstein erzählt launig von seiner Jugend in Braunschweig, seiner Ausbildung zum Bäcker. Um zwei Uhr morgens stand er in der Backstube, um neun Uhr bei der Eintracht auf dem Trainingsplatz. "Ja, ich habe richtig Bäcker gelernt, habe Brötchen gemacht, Plätzchen gemacht, Brote gemacht, sauber gemacht …"
In seiner Zeit als Bäcker-Lehrling und bei RW Essen brachte er 96 Kilo auf die Wage, inzwischen liegt er bei 90. Dennoch: Wie Konkurrent Wächter im Winter mit einem Muskelfaserriss im Bauch auszufallen, grinst er, "könnte mir nicht passieren. Ich hab eigentlich gar keine Bauchmuskeln". Und doch besitzt Kirschstein etwas, das den sportlichen Verantwortlichen beim zwei Jahre älteren Wächter am Ende fehlte: souveräne Körpersprache und ruhige Ausstrahlung. Sein Geheimnis? "Weiß ich nicht. Ich kann im Spiel zwar abschalten und mich voll konzentrieren, vorher bin ich aber immer total nervös und schlafe schlecht. Je nervöser ich war, desto besser habe ich allerdings gehalten."
Je nervöser, desto besser - aber auch gut genug, um den HSV auf Champions-League-Kurs zu halten? Klubintern galt Kirschstein schon nach seiner Verpflichtung im Sommer 2004 - trotz der Konkurrenz von Wächter und Martin Pieckenhagen - als der Keeper mit dem größten Potenzial. Ein Bänderriss in der Schulter und eine Meniskus-OP aber stoppten vorerst eine Entwicklung, die nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. "Weil er sich auch körperlich verbessert hat", wie Torwart-Trainer Ronny Teuber lobt. Und weil er etwa beim Pokal-Aus in München bewies, dass er so genannte Unhaltbare parieren kann.
Absage an den Rhetorik-Kurs war eine Sporttasche wert
Ob durch die angestrebte Qualifikation für die Königsklasse der Druck auf den HSV steigt und möglicherweise ein gestandener Torhüter hinzugeholt wird, spielt für Kirschstein, der als Wächter-Vertreter herausragende Leistungen zeigte, aber auch Patzer eingestreut hatte, keine Rolle. "Ich habe jetzt das Vertrauen und muss zeigen, dass sie sich auf mich verlassen können. Ich traue mir das jedenfalls zu." Kirschstein, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2008, wirkt dabei nicht aufgesetzt und doch von sich überzeugt. Die Befürchtung, auch er könne mit zunehmender Erfahrung im Profigeschäft stromlinienförmiger werden, kontert der Fan der Techno-Gruppe "Scooter" prompt: "Ich werde mich nicht ändern." Und als müsse er seine Aussage belegen, erzählt Kirschstein von einem Rhetorik-Kurs, den der HSV seinen Jungprofis im Sommer angeboten habe. Wie selbstverständlich kommt der Zusatz: "Ich wollte da nicht hin." Eine Haltung, die sich in gewisser Weise rentiert hat.
Sein besagtes TV-Interview im Dezember, in dem er vor allem auf die Flugeigenschaften des neuen "adidas"-Balles geschimpft hatte, wäre mit Rhetorik-Kurs so vermutlich nie abgelaufen. Kirschstein lacht: "Dabei fanden das einige noch besser als mein Spiel. Von unserem Ausrüster Puma habe ich dafür sogar eine neue Sporttasche bekommen …"
Sebastian Wolff